Sportlich mit Britta Kamrau

Dass Britta spontan zusagte, schmeichelte mir zwar, doch der Dauerlauf, den sie mit mir vorhatte, sorgte ein wenig für Anspannung. Sofort schossen mir ihre herausragenden Erfolge durch den Kopf, ihre Goldmedalien, die sie bei Welt- und Europameisterschaften gewonnen hat, ganz zu schweigen von den  zahlreichen
Silber- und Bronzemedalien. Ihre Fitness, ihre Ausdauer, ihr durchtrainierter Körper. Eine echte Sportskanone eben! Und ich? Mir wurde bewusst, dass ich von meiner Wunsch-Kondition verdammt weit entfernt war. Sofort griff ich nach einem Apfel und nahm mir vor, bis zu unserem Treffen nur noch Obst und Gemüse zu essen und jeden Tag zu trainieren, um mich nicht restlos zu blam
ieren. 


 

Dienstag, 08.00 Uhr: „Hallo Britta“, begrüße ich die 31-Jährige Rostockerin. Ihre freundliche und offene Art nimmt mir binnen weniger Sekunden die komplette Aufregung. Ein großer Stein fällt mir vom Herzen, als sie mich herzlich anlacht. Umso mehr überraschte mich, als Britta mir gesteht, dass sie früher eher Schüchtern war und die Menschen lange auf Distanz hielt, bevor sie Vertrauen fasste. „So wie es den Mecklenburgern immer nachgesagt wird“, erklärt mir die Leistungssportlerin. Zum Glück ist von dieser Zurückhaltung nichts mehr zu spüren.

Es ist ein wunderschön sonniger Herbsttag. Wir laufen mitten durch den Warnemünder Küstenwald. Ich will wissen, was Sport für Britta bedeutet und erfahre,  dass sie heute Morgen um 06.00 Uhr schon 2 Stunden schwimmen war. Panik macht sich bei mir bemerkbar. Ich versuche das Tempo zu halten und entspannt zu wir-ken. Dann erzählt mir Britta, dass sie zu Wettkampfzeiten  im Schnitt ca. 80 bis 100 Kilometer im Training schwimmt. Deshalb schmerzte es sie auch lange, dass ihr die Olympia Medaille 2008, trotz der ganzen Mühen verwehrt blieb. “Manchmal denke ich darüber nach wie es sein könnte, wenn es anders gekommen wäre,“ sagt Britta. Doch dann lacht sie wieder. Von Verbitterung keine Spur. Stattdessen konzentriert sie sich auf ihr nächstes Ziel: Olympia 2012! „Es ist meine letzte Chance.“

Ein hartes Stück Arbeit 

Ich frage mich wie realistisch der Traum vom Olympischen Gold ist. Britta erklärt mir, dass man sich in Deutschland zwei Jahre zuvor qualifizieren muss und, dass sie dies noch nicht getan hat. Ihre letzte Möglichkeit auf einen Freifahrtsschein nach London ist somit der Weltcup Ende Januar 2011.
Dann muss Britta wieder zeigen, dass  sie zur Weltspitze gehört und von den zehn Besten mindestens als Zweite Deutsche ins Ziel schwimmt. Erschwerend ist, dass sie nur circa sieben Wochen Vorbereitungszeit hat. „Das ist wirklich wenig“, erklärt Britta, weil sie etwa dreizehn Monate nicht mehr intensiv trainiert hat. „Das hat es bisher noch nie gegeben“, sagt Britta. „Länger als drei bis vier Wochen Urlaub habe ich noch nie Pause gemacht.“ Heute trainiert die 31-Jährige dreimal in der Woche. „Das ist nach 24 Jahren Leistungssport ein normales Pensum um fitt zu bleiben.“ Ich versuche ihr Mut zu machen und verspreche, ihr ganz fest die Daumen zu drücken.

Britta scheint meinen Daumen nicht zu trauen.  „Die Distanz über 10 Kilometer schwimmst du mal nicht eben so aus der Kalten heraus“, erklärt sie. Und während meine Luft immer knapper wird, denke ich: „Naja, ich werde sie heute auch nicht laufen …“ Ich gucke auf die Uhr. Der Zeiger hat sich erst zwölf Minuten weiter bewegt. Ich glaube, Britta passt sich mit Absicht meinem Tempo an, ohne sich etwas anmerken zu lassen. Erst, als ich aufhöre über ihre enorme Fitness nachzudenken, macht mir das Laufen plötzlich richtig Spaß. Die Sonne glitzert auf dem Wasser, die Luft ist klar und der Strand Menschen leer.   

Ich möchte noch mehr über ihr Trainingspensum erfahren und, ob es sich in den letzten Jahren verändert hat. „Das waren immer vier bis sechs Stunden täglich, in Ausnahmefällen hatte ich den Sonntag frei. Es gab mindestens 2 Einheiten Vor-und Nachmittags. Dazwischen Atlethik, Kraftsport und was sonst so anstand“, erzählt Britta und es klingt aus ihrem Mund, als sei es ganz normal so viel zu trainieren.

Mich beeindruckt ihr Selbstbewusstsein. Britta scheint genau zu wissen, was sie will und plant ihr Leben danach. Der Leistungssport nahm in Brittas Leben bisher einhundert Prozent ein. Ihr Engagement hat sich gelohnt, denn sie hat alles erreicht, was man im Sport erreichen kann und hat auch die schönen Seiten kennen gelernt.

Die überwältigen Glücksgefühle, positiven Erfahrungen, neue Freunde und die vielen Reisen hat Britta ganz besonders genossen. Sie ist dankbar für ihr bisheriges Leben, aber hat keine Angst vor dem, was die Zukunft noch für sie bereit hält. Doch immer wenn ich privatere Fragen stelle, antwortet Britta nur mit einem Lächeln. Warum? „Ich unterhalte mich gerne, aber einiges behalte ich gerne für mich.“
Wir laufen bereits eine ganze Weile. Britta zeigt noch immer keine Anzeichen von Schwäche oder Müdigkeit. Auch, wenn ich mein bestes Poker-Face aufgesetzt habe, wird unser Joggingvormittag langsam so richtig anstrengend. Ich schaue öfter zu Britta rüber und denke: Wie lange läuft sie noch? Aber ich möchte auch nicht der Erste sein, der sagt: „Meinst du nicht, es reicht für heute?“ Also weiter!

 Zum Glück ist Britta so eine tolle Gesprächspartnerin

Nach dem fünften Kilometer ist es endlich soweit. Britta verrät mir, was für sie nach dem Sport kommt: „Das Leben genießen, sich intensiv um Freunde kümmern,  den Beruf für die Zeit danach planen und eine Familie gründen.“ Sie erzählt, dass sie am liebsten zwei Jungen und ein Mädchen hätte. Wünsche, die angesichts ihres Alters in greifbare Nähe rücken. Britta freut sich sichtlich auf das Danach. Ich gucke Britta genauer an und entdecke auf einem mal das Geheimnis ihres blendenden Aussehens: Glück! Es strahlt aus ihr heraus. Als ich sie in meine Beobachtungen einweihe, lacht sie herzhaft und gibt mir recht. Seit zweieinhalb Jahren ist sie mit ihrem Partner Pepe liiert. Er stammt aus Mexico, wo sich beide im Trainingslager kennen gelernt haben. Er war dort für die internationalen Teams verantwortlich, hat deren Trainigs, die Unterkünfte und Verpflegungen organisiert. Hauptberuflich arbeitete er als Assistenzcoach und Tanzlehrer.

Seine Spezialität: Salsa! Vermutlich hat Pepe beim feurigen Tanz das Herz der blonden Deutschen erobert - doch Britta will mir das nicht bestätigen. Stattdessen antwortet sie wieder mit einem Lächeln. Wir belassen es dabei, liebe Britta. 

Aber sie erzählt mir, was sie an Ihrem Pepe fasziniert. „Ich liebe seine scheinbar unbegrenzte Lebensfreude, die positive Ausstrahlung, seine Energie.“ Auch schätzt sie an Pepe, dass er jedem Menschen offen gegenübertritt, ohne Vorbehalte, wissbegierig ist und jeden mit deiner Freundlichkeit ansteckt. „Wahrscheinlich ist das der Grund, warum er öfter als eigentlich in seinem Job üblich, als

Tourguide für Passagiere von Kreuzfahrtschiffen bebucht wird.“ Beide sehen sich daher selten und führen im wahrsten Sinn eine Fernbeziehung. 

Traummann zum Verlieben 

Während ich mir unauffällig den Schweiß von der Stirn wische, denke ich darüber nach wie Pepes Fitness wohl sein wird. Als scheint Britta meinen Gedanken zu ahnen, erzählt sie mir, was sie an einem Mann bewundert. „Ein gewisser Grad an Intelligenz ist mir wichtig und Humor! Er muss mich zum Lachen bringen und mich begeistern können.“ Und was ist mit der Leidenschaft für Sport? „Es ist schon gut, wenn er sich für Sport interessiert“, ergänzt sie. Das wäre alles? Britta lacht – verstehe! 

Der kulturelle Unterschied ist für sie gar kein Problem „Ich liebe Lateinamerika. Ich habe ein Jahr in Argentinien  und neun Monate in Mexico gelebt und bin immer mal wieder für mehrere Wochen dort. Es ist die Einstellung der Menschen in diesen Gegenden, die Einstellung zur Musik und zum Tanzen, die mich immer wieder begeistern. Das fehlt einfach in Deutschland. Wir sind da alle etwas zurückhaltender. Ich schätze diese Gegensätze zu meinem eigenen Naturell.“

Es ist elf Uhr

Wir sind an unserem Ziel angekommen und genießen den Blick aufs Meer. Eine Fähre nähert sich dem Hafen.

Am Parkplatz Wilhelmshöhe entdecke ich tatsächlich winzige Schweiztröpfchen auf Brittas Gesicht. Sie sieht keinen Tag älter als 23 aus. „Wie machst du das“, frage ich. Wer die meiste Zeit seines Lebens im Wasser verbringt, muss doch sicher extreme Hautprobleme haben. Britta verwundert die Frage: „Nichts eigentlich, außer viel cremen.“ Dann erklärt sie mir, dass ihre Haut schon trocken ist, aber das Hautbild durch eine gesunde Ernährung kontrollierbar ist. „Mein Gesicht hat noch nie eine Gurkenmaske gesehen. Vielleicht habe ich auch Glück gehabt, denn Probleme hatte ich bisher nie.“ 

Mich interessiert, was Britta bei ihrem sportlichen Pensum isst. „Ich achte schon auf die Richtige Mischung von frischem Obst und Gemüse, Proteinen und verzichte natürlich auf Fertiggerichte“, erklärt Britta und ergänzt: „Pepe ist ein toller Koch, wir essen gerne und verwöhnen uns oft gemeinsam mit internationaler oder mexikanischer Küche. Die besteht aus viel Avocado, Chilli und über alles wird Zitrone gegeben.“ 

„Mir geht langsam die Kraft aus“ 

Aktuell studiert Britta Jura. Das hat sie irgendwie schon immer nebenbei gemacht, aber nun scheint die Zeit reif, das Studium endlich zu beenden. Zur Zeit absolviert sie ihr Referendariat, im November legt sie ihr zweites Staatsexamen ab. Dann ist es geschafft und für die Sportlerin kann die Büroarbeit beginnen. „Es macht mir wirklich Spaß und könnte mein berufliches Leben langfristig ausfüllen“, sagt Britta. Sie sehnt sich danach, endlich am Ziel anzukommen. „Ich merke, dass mir langsam die Kraft ausgeht.“ Kaum zu glauben! Britta legt ihre Hand auf meine Schulter und lädt mich als Wiedergutmachung auf einen selbst gemachten Kaffee zu sich nach Hause ein. 

Was für ein Glück! Rein zufällig macht Pepe von seiner Arbeit einen kurzen Zwischenstopp und so habe ich das Vergnügen ihn kennen zu lernen. Ich verstehe sofort, was Britta gemeint hat, als sie von ihm geschwärmt hat. Und bin beeindruckt von Pepes guten Deutschkenntnissen, obwohl er unsere Sprache erst eineinhalb Jahre lernt. Auch hier kann ich mir die Frage nicht verkneifen: „Was fasziniert dich an Britta?“ In Pepes Kopf überschlagen sich die Worte. Am liebsten , so scheint es, würde er es heraus schreien, doch er bremst sich, überlegt und beginnt dann in höchsten Tönen von Britta zu schwärmen. „Sie sieht nicht nur wahnsinnig toll aus, sie ist auch einen sehr gute Zuhörerin“, erzählt er. „Wir haben die gleichen Interessen und ich kann ihr vertrauen.“ 

Ich halte diesen Moment in einem Foto fest.  Zufrieden und mit vielen Eindrücken im Gepäck trete ich den Heimweg an. Auf jeden Fall möchte ich Britta noch einmal wieder sehen, doch für den Moment freue ich mich nur auf eins: eine Dusche! 

Britta und Ihr Pepe sind schon voller Freude auf Ihr erstes gemeinsames Kind, das im Sommer zur Welt kommt. 


(Foto: Frederike Hegener)

(Foto: Frederike Hegener)

(Foto: Frederike Hegener)

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