Geschichten in und um Glasgow

Warum eine Mischung aus Highlander-Romantik und Raubeiniger Arbeiter-Mentalität die Stadt Glasgow und ihre Umgebung so interessant machen.

Ein Besuchertipp:

Im Jugendstil-Café „The Willow Tea Rooms“ ist das Lebensgefühl dieser Kunstepoche zum Greifen nah:

The Willow Tea Rooms

217 Sauchiehall Street
Glasgow G2 3EXTel. 0044/141/3320521
www.willowtearooms.co.uk



 

Mildes Sonnenlicht fällt durch mehrere Buntglasfenster in Form von aufgehenden Rosenblüten. Auf leisen Turnschuh-Sohlen eilen Kellnerinnen durch das gut besuchte Café und füllen den Tisch zwischen meiner Freundin Catharina und mir mit verschiedenen Köstlichkeiten: Sandwiches und Muffins auf einer silbernen Etagère, dazu Marmelade, geschlagene Sahne, viktorianische Zitronenlimonade und Kaffee. Nein, wir sitzen nicht in einem typisch englischen Café in der Altstadt von Cambridge, und nein, wir sind auch keine silbergelockten älteren Damen. Stattdessen sind wir zwei unternehmungslustige Mittzwanziger auf der Suche nach Unterhaltung, Musik und atemberaubender Landschaft. Und wie könnte man all diese Wünsche besser erfüllen als mit einem Urlaub in Glasgow, der Industriestadt und Kulturmetropole inmitten der sagenumwobenen schottischen Highlands?

Das Raumwunder „Stuhl“

Laut unserem Vermieter Steve gibt es in der Altstadt von Glasgow kein besseres Anfangsziel als die weltbekannten „Willow Tea Rooms“. Und tatsächlich: Das Caféhaus in einem unauffälligen Reihenhaus in der Sauchiehall Street verwandelt den gewöhnlichen Nachmittagskaffee in ein Erlebnis. Anstatt der üblichen Möblierung erwarten uns pechschwarze, blockartige Tische und Stühle mit mannshohen Rückenlehnen. Damit sorgte der Glasgower Architekt Charles Rennie Mackintosh schon vor Hundert Jahren für eine echte Sensation. „Sieht ja furchtbar unbequem aus!“, kommentiert Catharina die monströsen Sitzgelegenheiten. Doch die Konstruktion hat einen Vorteil: Die hohen Rückenlehnen schirmen uns von den anderen Gästen ab und vermitteln das Gefühl, dass wir uns in unserem eigenen Privatraum befinden. Eine Erfindung, die noch heute jedes Lokal in Hamburg oder Berlin bereichern würde! Als wir danach durch die Innenstadt bummeln und nach einem urigen Pub für einen netten Abend Ausschau halten, bereuen wir fast, so viele Spezialitäten vertilgt zu haben. Denn Glasgow liegt nicht nur mitten in den Bergen, sondern auch darauf – ein „San Francisco für Arme“ sozusagen, das uns körperlich zu schaffen macht. Doch dafür eröffnen sich alle paar Meter beeindruckende Ausblicke auf steile Straßenschluchten vor imposanten Hügelketten im Nordosten.

Ein Kuss mit Folgen

In der Byres Road lauschen wir einigen Straßenmusikern, die uns ein Konzert in einer Kirche namens Òran Mór empfehlen. Was klingt wie ein Veranstaltungsort für Klassik-Fans entpuppt sich als Kulturzentrum mit Nachtklub, Bars und Restaurants. Hier treten die angesagtesten Rock- Bands der Stadt auf und erleuchten mit farbenfrohen Bühnenshows die gotischen Spitzbogenfenster. An der Whisky-Bar bestellen wir zwei Guinness. Gerade will mir Catharina zuprosten, da fische ich eine Münze aus meinem Geldbeutel und lege sie auf die sahnige Bierkrone. Für einen kurzen Moment hält sich das 2-Pence-Stück auf der Oberfläche, dann geht es langsam unter. „Aha. Nicht frisch genug“, befinde ich, nehme Catharina das Glas aus der Hand und marschiere zurück zur Theke. Und tatsächlich zapft der Barkeeper mit einem verschwörerischen Augenzwinkern zwei neue Gläser. „Wie im Reiseführer: Wer wissen möchte, ob das Bier frisch genug ist, macht den Münzen-Trick“, kläre ich Catharina auf. Doch außer uns scheint sich niemand für diesen grandiosen Frische-Test zu begeistern. Stattdessen blicken die meisten Gäste zur Theke, wo sich zwischen zwei Männern ein handfester Streit zu entwickelt. „Kiss him, Doug! Yeah, just give him a kiss“, feuert seine Begleitung den einen Kontrahenten lautstark an. Amüsiert verfolge ich das Schauspiel. Klingt eigentlich gar nicht übel – wenn sich Männer in aller Öffentlichkeit einen Kuss geben wollen, kann die Auseinandersetzung ja nicht so ernst sein. „Wow“, haucht Catharina neben mir ehrfürchtig. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir das zu sehen kriegen!“ Verwundert sehe ich sie an, und sie erklärt bereitwillig: „Naeinen`Glasgow Kiss´ – einen waschechten schottischen Kopfstoß!“ So sieht das Ganze natürlich anders aus, und ich bin froh, dass sich die beiden Streithälse schließlich auf ein Rendezvous vor der Tür einigen.

Über den Wolken

Am nächsten Morgen ziehen wir die Wanderschuhe an und fahren mit dem Zug ins Nahe gelegene Bridge of Orchy. Das lang gestreckte Tal mitten in den Highlands ist nur mit einer regelrechten Bummelbahn zu erreichen, doch so kann man schon auf der Hinfahrt das grandiose Bergpanorama genießen. Mehrere schmale Pfade führen von dem reißenden River Orchy auf die Bergkuppen. Oben angelangt, fühlen wir uns wie echte Pioniere. Weit und breit ist niemand zu sehen, nur einige dunkle Regenwolken verdunkeln den Horizont. Das Einzige, was uns jetzt zu unserem Glück fehlt, ist ein bärtiger Highlander im Kilt. Zur Not nähmen wir aber auch den freundlichen Barkeeper von gestern Abend.

Die Highlights von Glasgow:

Danach unbedingt das nachgebaute Haus von Charles Rennie Mackintosh besuchen. Es gibt Einblicke in das Gesamtkunstwerk des wichtigsten Künstlers der Stadt:

THE MACKINTOSH HOUSE

The Hunterian Art Gallery
82 Hillhead Street
Glasgow, G12 8QQ

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Liebhaber von schottischer Musik, Kabarett und Kleinkunst finden auf dieser Website aktuelle Termine:

www.gigguide.co.uk

In der Kulturkirche Òran Mór finden regelmäßig Konzerte und Veranstaltungen statt:

ÒRAN MÓR

Top of Byres Road
Glasgow G12 8QX
Tel. 0044/141/357 6200
www.oran-mor.co.uk

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Eine stilvolle und bezahlbare Unterkunft findet man im „Alamo Guest House“ – vorausgesetzt, Kater Flash lässt die Ankömmlinge gnädig eintreten:

THE ALAMO GUEST HOUSE

46 Gray Street
Glasgow G3 7SE
Tel. 0044/141/3392395
www.alamoguesthouse.com

 



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