Amman


Unterhalb der Ruinen des antiken Gadara liegt der See Genezareth. Hier begegnen sich Jordanien, Syrien und Israel  – genauso wie Beduinen und Touristen



Das Kleine Königreich Jordanien ist der Schlüssel für die Entdeckung orientalischer Kultur.
Denn in der Pulsierenden Hauptstadt Amman und in der Wüste vermischen sich moderne Sitten und Beduinen-Rituale wie Nirgendwo sonst.


 

Bin ich taub? Ich mache einen Schritt zur Seite, prüfe, ob die Kiesel unter meinen Füßen knirschen. Ja, da ist es, das vertraute Geräusch. Ich schaue mich um. Golden glitzernde Sandwüste, soweit das Auge reicht. Auf der Hügelkuppe vor mir thronen die Ruinen der antiken Stadt Jerash, dem „Pompeji des Ostens“. Alles ist so, wie ich es erwartet habe. Heiß und leer. Aber etwas fehlt: Geräusche. Noch nie habe ich eine solche Stille erlebt. Eine Fahrtstunde von Amman entfernt hört man keine Autos, keine Vögel, kein Kinderlachen. Ab und zu streift ein Lufthauch meine Wange, doch selbst er ist geräuschlos – es gibt ja nichts, was er flattern lassen könnte. Dann zucke ich zusammen. Aus dem bewohnten Tal erhebt sich ein singender, klagender Ruf. Er schraubt sich in die Höhe, wird immer lauter und drängender. Es ist der Ruf eines Muezzin, der die Gläubigen an die Stunde des Gebets erinnert. In diesem Moment taucht hinter einer Säule eine tiefschwarz verschleierte Frau auf, die sich ein Handy ans Ohr presst und auf Arabisch hineinspricht. Im aufkommenden Wind schlägt ihr das lange Gewand knatternd gegen den Körper, und der Moment der Stille ist vergessen. Ich mache mich auf, diese Überreste orientalischer Kultur zu erkunden.Erst einen Tag zuvor ist an Stille nicht zu denken. Zusammen mit meinem jordanischen Stadtführer Aymn schlendere ich durch die Straßen von Amman.

Graffitikunst für die Liebe

Über zwei Millionen Menschen wohnen in der Hauptstadt, dem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Staub, Lärm und Gerüche hängen wie eine Glocke über den Passanten. Wie die meisten ausländischen Touristen habe ich mich dafür entschieden, Jordanien von hier aus zu entdecken - und am leichtesten geht das natürlich mit jemandem, der sich auskennt. Mein Begleiter hat selbst viele Jahre in Deutschland gelebt und ist daran gewöhnt, dass man ihm Löcher in den Bauch fragt: Touristen über das Leben in Jordanien und seine Landsleute über das sagenhafte Europa. Heute Morgen will ich von Aymn wissen, wo sich junge Leute treffen. „In der Rainbow Street natürlich“, ist die Antwort. Das rauchschwarze Pflaster der schier endlosen Straße führt über einen der Hügel oberhalb von Downtown Amman. In den 1980er Jahren zählte sie zu den angesehensten Gegenden der Stadt. Antiquitätenhändler, orientalische Kaffeehäuser und moderne Internet-Cafés beherrschen die Straßenseiten. Als ich einem Eisverkäufer erzähle, dass ich aus Deutschland komme, fällt er mir fast um den Hals. „Germans are so nice! I love Podolski!“ Aymn führt mich zu einem kleinen Platz auf der Hügelkuppe. Holzbänke bilden einen Halbkreis, hinter dem Gelän-der fällt der Hang steil ab. Von hier hat man einen wunderbaren Blick auf Downtown Amman, den alten Stadtkern mit seinen sandfarbenen Würfelhäusern. Während wir die Aussicht genießen, erklingt hinter uns Musik. Auf den Bänken haben sich einige junge Leute niedergelassen.
Die Frauen tragen Kopftuch zu modernen Tunikas und Flipflops, ihre Begleiter Jeans und bunte Band-T-Shirts. Ein Junge klimpert auf einer zerkratzten Gitarre. „Hier trifft man sich, wenn man ungestört sein will“, erklärt Aymn. „Die meisten Eltern wollen nicht, dass sich Paare vor der Hochzeit allein treffen. Deshalb verabreden sie sich an öffentlichen Plätzen und lassen sich von Geschwistern oder Freunden begleiten.“ In diesem Moment sehe ich ein Pärchen, dass aus einer der vielen Seitengassen auf den Platz an der Rainbow Street zuläuft. Kurz vor den Bänken lassen sie die Hand des anderen los, setzen sich einander gegenüber. Aymns braungebrannte Hand deu-tet in die Richtung, aus der sie ge-kommen sind. „Siehst du die vielen Gassen? Da gehen sie hin, wenn sie allein sein wollen. Eine ande-re Möglichkeit gibt es nicht.“ Wir verlassen die Aussichtsplattform, laufen weiter über das schwarze Pflaster. Immer wieder blicke ich in schmale Seitengassen – manche dreckig und verlassen, magere rotweiße Katzen tummeln sich darin. Andere sind mit farbenfrohen Graf-fitis und schwungvollen arabischen Schriftzeichen übersäht. Hier muss die Liebe noch ein Abenteuer sein. Der Küchenmeister zwinkert mir fröhlich zu, während seine Hände mit atemberaubender Geschwindigkeit durch den erbsengrünen Teig wirbeln. Unermüdlich formt er kleine Falafelbällchen und lässt sie in eine riesige Pfanne mit siedend heißem Fett plumpsen.

Wo die Königsfamilie zu Mittag ist

Wir sitzen auf wackligen Campingstühlen im besten Falafel-Restaurant der Stadt. Das „Al Hashem“ liegt versteckt in einer Seitengasse von Downtown Amman und überzeugt nicht gerade durch eine gemütliche Einrichtung. Doch wer braucht schon Samtpolster oder Stuckverzierungen, wenn er stattdessen mit Königen und Hollywoodstars an einem Tisch sitzen kann? Eine Fotogalerie an den gefliesten Wänden des Lokals zeigt König Abdullah und Königin Rania mit ihren Kindern, wie sie hier frisch zubereitete Kichererbsenbällchen essen. Auch einige bekannte Schauspieler sind zu erkennen. Daneben informiert mich eine Tafel darüber, dass im Restaurant täglich 50 Kilogramm Zwiebeln verspeist werden. Dann ist endlich ist auch unser Essen fertig. Der kleine Plastiktisch quillt über von Tellern mit Falafel, verschiedenen Sorten Humus, Petersiliensalat, gehackten Tomaten, Salatblättern und Zwie-belringen. Wie Aymn zerreiße ich einen luftigen Weißbrotfladen und häufe so viel Humus, Salat und Falafel wie möglich auf jedes Brot-stück. Diese logistische Meisterleis-tung spülen wir mit einem kräftigen Schluck rotem Tee hinunter – so süß, dass jeder Löffel problemlos darin stehen könnte, und wie zum Ausgleich noch mit frischen Pfefferminzblättern versehen. Als wir danach durch Downtown laufen, kann ich mich an den farbenprächtigen Schaufenster-Auslagen kaum satt sehen.Hier werden traditionelle, lange Gewänder für Männer und Frauen verkauft. Oft haben sie leuchtende Farben und sind üppig bestickt. Aymn wählt den direkten Weg zum Suk. Hinter der King Hussein Moschee mit ihren hoch aufragenden Minaretten beginnt der längste Lebensmittel-Markt von Amman, auf dem Obst, Gemüse, Gewürze und Nüsse angeboten werden und ein unglaubliches Gedränge herrscht. Staunend bleibe ich vor einigen gut sortierten Ständen stehen, und die Verkäufer schenken mir duftende Pfirsiche zum Probieren.

Das Objekt der Begierde

Mit kühlen, verspiegelten Hochhausfassaden verhüllen internationale Designer ihre Fashion-Tempel im modernen Zentrum von Amman. Obwohl die breite Salem Al-Qudah Street eher das Einkaufsparadies der Reichen und Mächtigen ist, hat Aymn darauf bestanden, sie mir zu zeigen. Denn nirgendwo in Amman sieht man so viele junge Frauen ohne Kopftuch wie hier, und oft blitzen unter züchtigen langen Mänteln Schwindel erregend hohe Stöckelschuhe hervor: Die Stadtbewohner sind stolz darauf, dass sich langsam das Vorbild ihrer schönen, westlich geprägten Königin Rania durchsetzt. Während wir an futuristischen Gebäuden vorbei schlendern, beobachte ich die Passanten. Auf der anderen Straßenseite ist eine Gruppe verschleierter junger Frauen stehen geblieben. Sie haben Fotoapparate und Videokameras in der Hand und scheinen das Gebäude hinter uns überaus interessant zu finden. Verwundert drehe ich mich um. „Komisch. Hier ist doch gar nichts. Was gibt es denn hier zu sehen?“ Da beginnt Aymn zu lachen. „Aber sie fotografieren ja dich! Sie wollen sich merken, was du trägst, wie du aussiehst …“ Überrascht blicke ich an mir herunter, überprüfe mein Äußeres. Kleid, Leggins, Ballerinas, Sonnenbrille. Eigentlich ziemlich normal. Aber vielleicht nicht für jeden? Ich schaue noch einmal zur anderen Straßenseite und gewöhne mich an den Gedanken, dass ich für diese verhüllten Frauen genauso exotisch sein könnte wie sie für mich.

Über den Dächern von Amman

An diesem Abend bin ich allein unterwegs. Mein Stadtführer hat mir ein Restaurant empfohlen, das einen herrlichen Ausblick auf die nächtliche Stadt bietet. Schon die Taxifahrt ist ein Erlebnis, der ultimative Geschwindigkeitsrausch auf verkehrsreichen Straßen inklusive. Jetzt blicke ich von der luftigen Dachterrasse des Wild Jordan Café auf die bunt erleuchteten Gebäude unter mir. Der Vollmond prangt über dem gegenüberliegenden Zitadellenhügel und beleuchtet die Ruinen eines römischen Herkulestempels. Dort, auf der anderen Seit der Stadt, liegen die geschichtlichen Wurzeln von Amman, dort siedelten vor mehreren Jahrtausenden die ersten Bewohner. Ich bin umgeben von jungen Paaren, Studenten und Geschäftsleuten, die ihren Afterwork-Cocktail genießen. Das Restaurant ist eine der wenigen modernen Lokalitäten, die Alkohol ausschenken. Zu meinen Nudeln wähle ich stattdessen eine erfrischende Zitronen-Minz-Limonade, das inoffizielle Nationalgetränk Jordaniens. Man bekommt es fast überall, und es unterscheidet sich nur durch seine mehr oder weniger grüne Färbung aus zerstoßenen Pfefferminzblättern. Und plötzlich passiert es: Über den Straßenlärm im Tal erhebt sich der klagende Ruf eines Muezzin, schwebt einen Moment in der Luft und verklingt schließlich. Niemand rührt sich, niemand fällt zum Gebet auf die Knie. Ich frage eine Gruppe junger Leute am Nachbartisch, wo man sich abends amüsieren kann. Begeistert laden sie mich ein, ihnen in die Bar Kanabayé an der Amüsiermeile vom King Talal Square zu folgen. Weil Amman erst im 20. Jahrhundert sprunghaft gewachsen ist, orientieren sich viele Stadtteile an modernen Kreisverkehren. Es ist noch immer so warm, dass wir uns auf die Terrasse der Bar setzen. Während meine Begleitung wild durcheinander plappert – ich bin an eine multikulturell wild gemischte Gruppe von Studenten geraten – studiere ich die Karte. Kein Alkohol! Hätte ich doch vorhin einen Cocktail getrunken. Meine Sitznachbarin, Liz aus Kanada, lacht über mein enttäuschtes Gesicht. „Wir können uns hier auch ohne Alkohol amüsieren!“, verspricht sie auf Englisch. Und tatsächlich bescheren uns eine mit Feigen-Tabak gefüllte Wasserpfeife und unser Ehrgeiz, spektakuläre Rauchkringel zu erzeugen, einen sehr unterhaltsamen Abend. Weil wir am Ende die letzten Gäste sind, spendiert uns der Kneipenbesitzer starken, mit Kardamom gewürzten Kaffee in winzigen runden Tässchen. Dankbar schlürfen wir das heiße Getränk und erfahren erst hinterher, dass wir nach alter Beduinen-Sitte eine Stammesfehde ausgelöst hätten, wenn wir diesen Gunstbeweis abgelehnt hätten. Glück gehabt!

Gesangswettbewerb auf Arabisch

Am nächsten Morgen treffe ich mich wieder mit Aymn. Diesmal möchte er mir die Geschichte seiner Heimatstadt näher bringen, bevor wir am Nachmittag zu einer Tour in die Wüste und ans Tote Meer aufbrechen. Deshalb besuchen wir zuerst das Römische Theater von Amman. Der trichterförmige Bau mit unzähligen Stufen bietet Platz für über 6000 Zuschauer. Damit ist es das größte antike Theater Jordaniens – und außerdem ein akustisches Wunderwerk. Ein Kreuz im Steinfußboden des Theaters markiert die Stelle, an der ein Sänger oder Schauspieler am besten zu hören ist. Das muss natürlich von jedem Touristen getestet werden, und so erfüllen den ganzen Tag Lieder und Sprechgesänge aus der ganzen Welt die Ränge. Auch Aymn gibt ein arabisches Ständchen zum Besten, und auf einem Säulenkapitell sitzend applaudiere ich begeistert. Ein lautes Johlen ertönt. Auf den Steinbänken der Bühne haben sich ein paar jordanische Jugendliche niedergelassen, die bei einer Zigarette die Vorführungen genießen – und jeden musikalischen Beitrag lautstark kommentieren. Wir gehen zu ihnen hinüber, und Aymn wird trotz der frühen Stunde einstimmig zum Tagessieger erklärt. Ein Junge fragt mich: „Are you happy in Jordan?“ Erstaunt schaue ich ihn an. In seinen dunklen Augen blitzt der Schalk, als er hinzufügt: „Don’t worry. Be happy, you know. Jordan is great.“ Wie verabredet, ertönt von der King Hussein Moschee der vertraute Ruf eines Muezzins, hallt von den Wänden des Theaters wider und verliert sich in der Ferne. Und plötzlich weiß ich, dass nur eines die Sehnsucht stillen kann, die dieser Ruf in mir weckt: Diesen Ort noch einmal zu besuchen.

Info:

Das jordanische Fremdenverkehrsamt verschickt kostenlose Broschüren, vermittelt den Kontakt zu Deutsch sprechenden Stadtführern und bietet Ausflüge in die Umgebung von Amman an:

 Fremdenverkehrsamt Jordanien

c/o Kleber PR Network

Hamburger Allee 45

60486 Frankfurt am Main

Tel. 069/71 91 36 62

germany@visitjordan.com
 
www.visitjordan.com

Direktflüge nach Amman bietet die Royal Jordanien Airline von Frankfurt a.M. oder von München ab etwa 600 Euro an.

 

Kleiner arabischer Sprachführer:

 

Deutsch 

Arabisch 

Ja

Na’am

Nein

La’a

Danke

Shukran

Bitte

Afwan (Antwort auf Danke)

Hallo

Marhaba

Auf Wiedersehen

Ma’a salaama

Lasst uns gehen!

Yalla!

Prost, Guten Appetit

Siha

Wie geht es dir? (m/w)

Kifak/Kifik?

Gut (m/w)

Mnieh/Mnieha

Ich spreche kein Arabisch.

Ana laa ahkii arabi.

Wieviel?

Addeesh?

Entschuldigung

Afwan

 

Heidrun van Dyke (Text & Foto)



Bunte Vielfalt: Auf einem „Suk“ – einem Markt oder einem Basar – gibt es fast alles. Gemüse, Obst, Gewürze und Kleidung wechseln aber nur nach langem Handeln den Besitzer.

Mobil erreichbar: Tradition und Moderne sind für die meisten Jordanier kein Widerspruch mehr. Zum Kopftuch gehört selbstverständlich ein Mobiltelefon.

Und lächeln! Selbst auf der modernen Salem Al-Qudah Street bilden europäisch gekleidete Passanten die Ausnahme. Zwischen den Designer-Tempeln wird mancher Besucher schnell selbst zum Motiv.

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