New York - Eroberung mit Hindernissen

Liebling, hältst du mal die Axt?“, wispert meine Freundin Sue wütend und
taucht plötzlich hinter einer Schaufensterpuppe im rosafarbenen
Seidenkostüm auf. Gelassen halte ich mir eine bunt getupfte Bluse an,
antworte: „Keine Sorge, ich habe den Colt für alle Fälle“ und mache mit leisem „Klick“ schnell ein Beweisfoto: 


 

Ashley Olsen dreht sich gerade in einem goldfarbenen Charleston-Kleid vor dem Garderobenspiegel von „New York Vintage“, während ihre Zwillingsschwester Mary Kate das Outfit begutachtet. Denn was in fremden Ohren vielleicht so klingt wie der Wortwechsel eines durchgeknallten lesbischen Gauner-Pärchens, ist in Wirklichkeit unsere raffinierte Geheimsprache auf der Jagd nach heißen Designer-Fummeln. Jedes Filmzitat bedeutet, dass eine von uns ein tolles Stück erspäht hat und bei meinem „Colt“ handelt es sich eigentlich um eine griffbereite Digitalkamera, mit der wir unsere Einkäufe dokumentieren. Doch was passiert, wenn sich eine berühmte Schauspielerin für das gleiche Kleid interessiert?

Karneval in New York. Ein Samstagnachmittag in Chelsea, dem Top-Einkaufsviertel von New York, gleicht einem Besuch auf dem größten Maskenball der Welt. In allen möglichen Verkleidungen – von aufgesetzten Kapuzen bis zu aufwendigen Ganzkörper-Verhüllungen mischen sich hier Stars wie Julia Roberts, Lady Gaga oder Scarlett Johansson unters Volk, immer auf der Suche nach den spektakulärsten Kleidungsstücken und Accessoires. Die Gegend ist bekannt für Vintage-Boutiquen, die original erhaltene Kostüme aus den letzten hundert Jahren zum Verkauf anbieten und für die Ausstattung von Hollywood-Filmen wie „Cold Mountain“ oder „Sex and the City 2“ gesorgt haben. Seite an Seite mit Berühmtheiten genießen meine New Yorker Freundin Sue und ich also den 
Einkaufsbummel.

Seit ich in dieser Stadt der Superlative und verrückten Einfälle lebe, habe ich mich an Einiges gewöhnt: Horden von Paparazzi, die jede Blondine mit Gucci-Brille ablichten, Entfernungen, die nur mit Hilfe von Taxis oder Limousinen zu bewältigen sind, Kunden, die eine Kaugummipackung mit Kreditkarte bezahlen und die be-sondere, von Adrenalin getränkte Atmosphäre der Stadt, die man im Central Park genauso wie auf der Wall Street spürt. Es lebe die Backsteingotik. Da ist es manchmal gar nicht so einfach, die Ruhe zu bewahren. Besonders dann nicht, wenn man sich bedingungslos verliebt hat. So wie Sue in das goldfarbene Charleston-Kleid. Seit Tagen hat sie ihren morgendlichen Coffee to-go nur noch vor dem Schaufenster des angesagten Mode-Tempels „New York Vintage“ eingenommen, den Blick fest auf das Objekt der Begierde geheftet. Und nun stehen wir hier und müssen zusehen, wie uns eine Nachwuchs-Schauspielerin den Fummel vor der Nase wegschnappt. Was nun? Ratlos schauen wir uns an. Da leuchten Sues Augen plötzlich auf: „Du kennst dich doch aus mit alten Dingen. Erzähl ihr, dass das Kleid nichts wert ist!“ In den Augen eines Amerikaners ist da wirklich was dran. Schließlich erkenne ich als gebürtige Rostockerin Backsteingotik, wenn ich sie sehe – da werde ich ja wohl auch den Wert von einem Stück Stoff bestimmen können! Also beginne ich einen lautstarken Monolog über die unvergleichlichen historischen Kostüme in Berliner Second-Hand-Shops, mit denen sich die Kleider aus dieser Boutique gar nicht messen können. Aufgeregt stößt mich Sue in die Rippen. Die berühmten Zwil-lingsschwestern setzen gerade ihre Sonnenbrillen auf und verlassen das Geschäft – ohne Sues geliebtes Kleid! Und ich fühle, dass in meiner Brust das Herz einer geschäftstüchtigen Hanseatin schlägt...



 


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